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Russische Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa feiert 90. Geburtstag

Deutschland
Von unserem dpa-Korrespondenten und Europe Online   auf Facebook posten  Auf Twitter posten  
Repression, Exil oder eine Festnahme schüchtern die russische Aktivistin Ljudmila Alexejewa nicht ein. Als Grande Dame der Menschenrechte scheut sie auch nicht die Kritik an der Staatsführung. Und sie ist sicher: Die Jugend-Proteste werden ihre Heimat verändern.

Moskau (dpa) - Ljudmila Alexejewa wirkt zierlich und gebrechlich. Gehen kann die Russin nur noch schwer, in der Öffentlichkeit sieht man sie meistens nur im Rollstuhl. Gewicht hat das Wort der Aktivistin dennoch. Selbst vor Kremlchef Wladimir Putin hat Alexejewa keine Angst. Am Donnerstag wird Russlands Grande Dame der Menschenrechte, wie sie oft genannt wird, 90 Jahre alt.

Heute protestieren in Russland besonders Schüler und junge Studenten gegen Korruption, die Staatselite und die Willkür der Polizei. Für Russland seien diese Demonstrationen der richtige Weg, sagt Alexejewa zu den landesweiten Massenprotesten in den vergangenen Monaten. «Es ist die junge Generation, die sich nach Freiheit sehnt», sagt sie dem Radiosender Echo Moskwy. In den 1950er Jahren zählte sie selbst zur jungen kritischen Generation. Alexejewa war eine der wenigen Menschenrechtlerinnen in der Sowjetunion und wird heute als Ikone angesehen.

Geboren wird Ljudmila Alexejewa am 20. Juli 1927 in Jewpatorija auf der damals noch zu Russland gehörenden Schwarzmeerhalbinsel Krim. In jungen Jahren zieht sie mit ihrer Familie nach Moskau und studiert Archäologie. In ihrer Studienzeit schließt sie sich einem Kreis von Dissidenten und kritischen Kommilitonen an. Die schonungslosen Schilderungen der Gräuel in den Arbeitslagern unter Diktator Josef Stalin hätten sie und viele andere schockiert, sagt Alexejewa. Gemeinsam mit dem Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow und anderen Mitstreitern gründet sie 1976 im Geheimen eine Menschenrechtsorganisation, die heute renommierte Moskauer Helsinki-Gruppe. Doch genau dieser Schritt bringt sie ins Visier des berüchtigten Geheimdienstes KGB.

Es folgten Hausdurchsuchungen, Berufsverbot und schließlich 1977 die Ausbürgerung. Mehr als 15 Jahre lebt sie in den USA. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion darf sie wieder nach Moskau reisen und übernimmt 1996 den Vorsitz der Moskauer Helsinki-Gruppe.

In den ersten Amtsjahren von Kremlchef Putin wird sie in den Menschenrechtsrat des Präsidenten berufen, in dem sie - mit Unterbrechung - bis heute sitzt. Auch in dieser Position hält sie mit ihrer Kritik an der Staatsführung nicht zurück: Sie verurteilt die zwei Tschetschenienkriege seit den 1990er Jahren, setzt sich für den damals verhafteten Oligarchen Michail Chodorkowski ein und bemängelt die Ermittlungen im Mordfall des Oppositionellen Boris Nemzow. Auch die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland im Jahr 2014 kritisiert sie scharf. Dass der Bruch des Völkerrechts vielen Menschen egal sei, erschüttere sie.

Alexejewa demonstriert bis vor wenigen Jahren noch selbst auf der Straße. Mit 82 Jahren wird sie festgenommen, als sie an einer Anti-Putin-Demonstration teilnimmt. In einer Moskauer Metro wird sie von einem Mann niedergeschlagen und leicht verletzt.

In den vergangenen Jahren schützte sie wohl auch ihr internationaler Ruf, ihr Renommee, sind sich Beobachter sicher. 2009 erhält sie das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland als «herausragende moralische Autorität» sowie gemeinsam mit der Bürgerorganisation Memorial den Sacharow-Preis des EU-Parlaments. 2016 besucht sie den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck im Schloss Bellevue. In der Heimat wird sie von mehreren Medien zu einer der einflussreichsten Russinnen gewählt.

Heute trifft sich Alexejewa gerne mit jungen Menschen, auch weil die Repressionen gegen die liberale Opposition wieder zunehmen. Bei den Demonstrationen im März, zu denen der Kremlkritiker Alexej Nawalny aufgerufen hatte, wurden mehrere Hundert Menschen festgenommen. Im Juni gingen abermals Tausende auf die Straße, wieder nahm die Polizei sie mit. «Die Jugend kannst du nicht einschüchtern», sagt die Menschenrechtlerin kurz vor ihrem 90. Geburtstag. Irgendwann werde es auch in ihrer Heimat Demokratie und einen Rechtsstaat geben. «Ich bin sehr optimistisch, was die Zukunft Russlands angeht.» Besonders wegen der Unerschrockenheit der Jugend.

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